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Reportret: Galerie rekonstruierter Porträts
In 1502 uz wurde Motecuhzoma Xocoyotzin (*1467–†1520 uz, auch als ›Montezuma II‹ bekannt) von den aztekischen Reichsrat zu ›großem Gebieter‹ von Tenochtitlan gewählt und er erhielt dementsprechend den Ehrentitel ›Herr der Colhua‹. Als die spanischen Eroberer in die Küstengewässer Mexikos erschienen, war er der wichtigste Herrscher des Aztekenreiches, das mehrere mexikanische Völker umfasste. Anders als die wörtliche Bedeutung seines Namens — ›er, der sich durch seine Wut Herrscher macht, der geehrte junge‹ — vermuten lässt, war Motecuhzoma Xocoyotzin kein tatkräftiger Leiter. Er versuchte, spanische Vorherrschaft zu verhindern, indem er die Eroberer gastfrei aufnahm. Diese Verfahrensweise klappte nicht. Er erlaubte, dass die Spanier ihm zur Geisel nahmen, ließ sich demütigen, und verlor demzufolge die Stütze seiner Untertanen. Kurz nach seinem Tod (wer für den Mort verantwortlich ist, bleibt unklar) wurde Tenochtitlan völlig zerstört und fand das Aztekenreich ein Ende. Diese tragische Geschichte wird anhand aztekischer Quellen erläutert von Van Zantwijk.
Wie sollten wir uns das Aussehen von Motecuhzoma Xocoyotzin vorstellen? Bernal Díaz del Castillo war einer der spanischen Eroberer und er hat Motecuhzoma Xocoyotzin persönlich kennen gelernt. Er hat eine (übrigens wenig besaggende) Beschreibung eines mittelgroßen, schlanken Mann, mit halblangem Haar und einem dünnen Bart hinterlassen. Ein Ölgemälde des sechzehnten Jahrhunderts uz gibt ein Bild von Motecuhzoma Xocoyotzin durch europäische Augen. Das Porträt ist bestimmt nicht nach dem Leben gemalt worden und die Kleidung ist auf eine europäische Weise interpretiert worden. Die Illustrationen im sogenannten Codex von Florenz und Codex Mendoza sind von Azteken (oder besser gesagt ›einheimischen Mexikanern‹) hergestellt worden. Obwohl diese Illustrationen verhältnismäßig bald nach der spanischen Eroberung hergestellt sind, ist deutlich sichtbar, dass sie schon stark von der europäschen Bildkultur beeinflusst worden sind. Dennoch sind diese Quellen eindeutig hinsichtlich des (vermutlichen) Aussehens von Motecuhzoma Xocoyotzin: er trug eine um den Kopf gebundene ›Krone‹, die von vorne mit einer Spitze nach oben vorsehen worden war, einen Mantel, der auf der Schulter festgeknüpft wurde und bis über die Knie reichte, ein Lendentuch, Sandalen, und Schmuckstücke an den Armen und Beinen. Auf einigen der Illustrationen wird er mit einem kurzen Bart vorgestellt.
Welcher Stil war allgemein geläufig zur Zeit von Motecuhzoma Xocoyotzin? Viel der vorspanischen Aztekenkultur ist vernichtet. Deswegen müssen wir uns auf die mixtekischen Handschriften aus Südmexiko richten. Diese sind nicht ganz unbedingt repräsentativ für die aztekische Bildkultur. Jedoch ist es schon glaubhaft, dass die Stilkennzeichen der mixtekischen Handschriften im vorspanischen Mexiko weit verbreitet waren. Die Mixteken wurden im fünfzehnten Jahrhundert uz in das Aztekenreich aufgenommen und viel der mixtekischen Bildkonventionen können immer noch in den mexikanischen Codices des frühen spanischen Zeitalters erkannt werden — zwar in einer europäischeren Form (wie im Codex Mendoza). Weit im sechzehnten Jahrhundert uz ist sogar, in einem einzelnen Fall (der Codex Selden), auf den reinen mixtekischen Stil zurückgegriffen worden. Der mixtekische Stil besteht aus stilisierten und standardisierten Bildern. Es sind feste Zeichnungen mit schwarzen Linien und uni Farbflächen in einer beschränkten Zahl von Farben: hauptsächlich Ockerschattierungen, mit Dunkelrot, Minzgrün und Grau ergänzt. Die Menschfiguren werden in Seitenansicht wiedergegeben und die Gesichter kennen keine individuellen Züge. Die Verhältnisse des menschlichen Körpers sind alles andere als realistisch und insbesondere der Kopf ist zu groß. Perspektive und Tiefe fehlen ganz und gar.
Die folgenden Details sind in das rekonstruierte Porträt aufgenommen worden. Die spitze Krone, der geknüpfte Mantel, das Lendentuch, und die Sandalen kommen auf den Bildern von Motecuhzoma Xocoyotzin im Codex von Florenz und Codex Mendoza vor. Die Verzierungen an den Armen und Beinen sehen wir auf dem Ölgemälde, aber sie sind auch üblich in den mixtekischen Handschriften. Der ins Haar gebundene Kopfschmuck aus Federn is eine Einzelheit, die so kennzeichnend für den mixtekischen Stil ist, dass es fremd wäre, den auszulassen — selbst wenn wir ihn nicht aus Quellen zu Motecuhzoma Xocoyotzin kennen. Der Ohrschmuck auf dem Ölgemälde kommt authentisch an, weil er auch in den mixtekischen Handschriften vorkommt. Das Gesicht is standarisiert und unpersönlich, vereinbar mit dem mixtekischen Stil. Die einzige persönliche Note ist der Bart, der von Bernal Díaz del Castillo erwähnt wird und sowohl im Codex von Florenz als auch im Codex Mendoza sichtbar ist. Die offizielle Funktion von Motecuhzoma Xocoyotzin — ›große Gebieter‹, huey tlatoani in Nahuatl — kommt in zwei Einzelheiten zum Ausdruck. Die Redewolke beim Mund, oder ›Sprechschnörkel‹, wie ein Fragezeichen ohne Punkt, deutet menschliche Sprache an. Dies ist zugleich ein Symbol für Macht, wie tlatoani wörtlich ›er, der spricht‹ bedeutet. Zusätzlich drückt die Hand, die hinunter zeigt, ein Befehl oder eine Bitte aus, oder das Vermögen Befehle zu geben — also Macht. Beide Einzelheiten sind Bildkonventionen der mixtekischen Handschriften. Zum Schluß ist die Riedmatte, auf der Motecuhzoma Xocoyotzin steht, in der Rekonstruktion lediglich dekorativ.
Vorschläge oder Bemerkungen anlässlich dieser Rekonstruktion? Jeder Kommentar ist sehr erwünscht.
Alternativen für ›Motecuhzoma Xocoyotzin‹: Montezuma / Moctezuma / Motecuzoma / Motecuhzoma — II / Xocoyotzin • Motecuzomatzin / Motecuhzomatzin — II / Xocoyotl.
© MMIII–MMVIII Marco Bakker — marco@reportret.info — www.reportret.info/de